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Seelen-Striptease für einen guten Job
Vier Bewerber um eine hoch dotierte Kaderstelle treffen unerwartet aufeinander. Nun ist Teamarbeit gefragt. Doch gewinnen wird nur einer.
«Die Grönholm-Methode» feierte am Donnerstag im Theater Kanton Zürich Premiere. Ein Mann in Anzug und Krawatte betritt den Raum, einen Aktenkoffer in der Hand. Er schaut sich um, lockert den Kiefer. Ein zweiter ebensolcher tritt herein und auf den ersten zu: «Sind Sie von der Firma?» «Nein, ich bin der Bewerber.» Wie sich zeigt, wurden vier Bewerber herbestellt, drei Männer und eine Frau. Zum Gespräch, wie sie glaubten. Doch die Personalabteilung der internationalen Möbelfirma, die einen neuen Marketingdirektor sucht, hat etwas anderes mit ihnen vor. Sie sollen Aufgaben lösen; der Beste wird die Stelle bekommen.
Wie von Geisterhand öffnet sich eine Schublade, sie enthält ein Couvert mit den Anweisungen. Einer muss zum Beispiel die Geschichte seiner Depression erzählen und die andern – die sich vorstellen, sie wären seine Chefs – dazu bringen, ihn trotzdem in der Firma zu behalten. Wer es nicht mehr aushält und den Raum verlässt, hat verloren.
Im Kern geht es immer um die Frage, wo die legitimen Interessen der Firma aufhören und die Privatsphäre beginnt. Und wie weit die Bewerber für ihr Ziel zu gehen bereit sind. «Teamarbeit heisst Offenheit», lautet einer der Slogans, die von den Managern ins Feld geführt werden. Offenheit verschafft dem, der sich offen gibt, den Vorteil der Offensive, macht ihn aber auch angreifbar. Und so kommt das Publikum in den Genuss unterhaltsamer Wortgefechte, bei denen nie klar ist, wer die Wahrheit sagt und wer nur so tut.
Ein Satz gegen Ende des Stückes bringt es auf den Punkt: «Was wir suchen, ist ein Arschloch, das nach aussen ein guter Mensch ist.» Wenn der Zweck die Mittel heiligt, kommt die Moral unter die Räder. Spiel um Wahrheit und Lüge
Das 2003 uraufgeführte Stück des Katalanen Jordi Galceran ist von unverminderter Aktualität. Felix Prader hat es für das Theater Kanton Zürich bearbeitet. Und dabei auch einiges umgeschrieben, wie er im Gespräch verrät (Interview, unten). Unter seiner Regie agieren die vier Figuren so überzeugend, dass einem schwindlig wird. Weil sich die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge auflösen und es nichts Verlässliches gibt, an dem man sich halten kann. Auch was in den Couverts steckt, wissen wir genau genommen nicht. Klar ist nur, dass alle gewinnen wollen und dafür weit zu gehen bereit sind.
Das Personal des Stücks ist typisiert nach dem Schema der Boulevardkomödie: Stefan Lahr gibt den knallharten Manager, der meistens für die Entlassung votiert, Andreas Storm den verständnisvollen, psychologisch geschulten Personalentwickler mit Bart, Katharina von Bock die elegante Bankerin im Deuxpièces und Brencis Udris den legeren Jungmanager mit Umhängetasche. Die weissen Wände erstrahlen in kalter Reinheit, schonungslos leuchtet das Licht alles aus; Schatten haben hier keine Daseinsberechtigung. Auf den Regalen an der Wand stehen die Stühle aufgereiht wie bei Ikea (Bühne: Werner Hutterli). Wenn Sebastian Rupp (der mit Bart) von seiner Depression erzählt, nimmt er auf einem roten Kinderstuhl Platz und macht sich ganz klein. Doch auch das tut er nur zum Schein. Denn nicht die wahre Geschichte macht das Rennen, sondern die beste. Wer sie für bare Münze nimmt, hat das Spiel nicht begriffen.
Ein kurzweiliger Abend, der aktuelle Fragen aufgreift, ohne sie totzureden. Helmut Dworschak «Fürs Theater ist es entscheidend, wie ein Stück etwas erzählt» Inszeniert hat die «Grönholm-Methode» der Schweizer Felix Prader. Der 1952 in Zürich geborene Regisseur hat unter anderem 1995 die deutschsprachige Erstaufführung von Yasmina Rezas Erfolgsstück «Kunst» inszeniert, die bis heute zu sehen ist. Wir haben uns vor der Premiere am Donnerstag mit Felix Prader über die «Grönholm-Methode» unterhalten.
Was ist am Stück von Jordi Galceran, das vor sieben Jahren erfolgreich uraufgeführt wurde, heute noch aktuell?
Felix Prader: Es ist ein uraltes Thema: Man verkauft dem Teufel seine Seele. Doch dafür muss man zuerst eine Seele haben. In diesem Stück werden die Leute daraufhin geprüft, wie weit sie gehen würden für die Firma. Wie sehr sie zugunsten eines Jobs auf gewisse Prinzipien verzichten würden. Die Tests zielen darauf, die Bewerber zu destabilisieren, um zu sehen, wer am längsten durchhält. Ich glaube nicht, dass es in Wirklichkeit genau so stattfindet, es ist natürlich eine Fiktion. Der Kern besteht vielleicht darin: Wenn man einmal anfängt, zu lügen, schwindet das Vertrauen. Das wird dann ein Fass ohne Boden. Um den Bogen zur Finanzkrise zu schlagen: Es heisst immer, das Kapital der Banken sei das Vertrauen. Andererseits muss man ja den andern über den Tisch ziehen. Diese beiden Prinzipien gehen nicht zusammen. Wenn keine Bank mehr der andern traut, hört alles auf.
Das Stück beschäftigt sich mit der Managerklasse, die uns in die Krise geführt hat. Das haben andere auch schon gemacht, zum Beispiel Urs Widmer in «Top Dogs». Was ist das Besondere an Galcerans Stück?
Die «Grönholm-Methode» spielt ursprünglich in Spanien. Ich habe es für das Theater Kanton Zürich eingerichtet und dabei auch die Stimmungslage geändert. In Spanien herrscht ein etwas grober Boulevard vor. Würden die Figuren als herzlose Monster auftreten, fände ich das aber nicht sehr aufregend. Dass Manager geldgierig sind und das Kapital Krisen hervorruft und grausam ist, das muss ich doch niemandem mehr erzählen. In der Komödie lacht man natürlich immer über die, die da oben auf die Nase fallen. Man soll aber auch mit ihnen mitgehen können.
Was hat Sie als Regisseur an diesem Stück gereizt?
Es ist nicht mein Ziel, den Kapitalismus zu entlarven, das erledigt der inzwischen schon selbst. Es ist sicher wichtig, was ein Stück erzählt, doch wie es das tut, ist oft für Theaterleute noch entscheidender. Es sind vier Figuren, das ergibt eine Art Quartett, wie bei einem Musikstück. Wie in kommunizierenden Vasen gehen die Kräfteverhältnisse immer hin und her. Wenn man das geschmeidig hinkriegt, macht es den Spielern und den Zuschauern grossen Spass.
Wie arbeiten Sie: Fragen Sie die Schauspieler nach eigenen Vorstellungen oder sagen Sie, wo es langgeht?
Im Idealfall weiss der Regisseur, wo es langgeht, und der Schauspieler weiss es auch. Ich habe erlebt, dass Schauspieler, die sehr viel wissen, sich gerne Dinge sagen lassen. Wer nichts weiss, lässt sich ungern etwas sagen, weil er dann fremdbestimmt wird. Und das hilft nichts, denn es muss ja zuletzt von den Spielern her kommen.
Helmut Dworschak © Der Landbote | 25.09.2010


Info ab 13 Uhr: Telefon 052 232 87 18
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