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Festland | Stefan Lahr, Vera Bommer | Foto: Heidi Arens

Pippi in der Pubertät

Starkes Jugendtheater in Winterthur: «Wir alle für immer zusammen» bringt Guus Kuijers Romanheldin Polleke auf die Bühne.

Von Christine Lötscher
 
«Hey, I’m in love», singt Emiliana Torrini mit ihrer Mädchenstimme aus den Kulissen heraus, dazu tanzt ein blondbeschopftes Wesen wild über die Bühne, buntes T-Shirt, blaue Stiefel, dunkelrote Leggings. Pippi Langstrumpf in der Pubertät? Ja - und nein. Das Mädchen, das ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Theater Winterthur für eine gute Stunde verzaubert, ist tatsächlich eine entfernte Verwandte Pippis. Polleke heisst sie, und sie ist eine Erfindung des unvergleichlichen Guus Kuijer. Der niederländische Kinderbuchautor hat ihr eine ganze Serie von Romanen gewidmet, die sich Mütter und Töchter gegenseitig aus der Hand reissen - denn obwohl er aus Pollekes Perspektive erzählt, versteht er sich genauso gut auf die komplizierte Seelenlage von Erwachsenen im Zeitalter der Patchwork-Familien wie auf jene ihrer Kinder an der Schwelle zur Pubertät.
 
Das heisst, Polleke versteht sich darauf. Schliesslich ist sie Dichterin. Ausserdem ist sie verliebt. Ihre Mutter (Silke Geertz) blöderweise auch - und ausgerechnet in den Lehrer Walter (Gerrit Freers). «Abartig» findet Polleke das. Als ob sie nicht schon mehr als genug eigene Sorgen hätte: Mimun, ihr Freund, hat mit ihr Schluss gemacht. Er ist Marokkaner und bereits einem anderen Mädchen versprochen. Doch das Dichten hilft, ebenso wie ein Kalb, das auf dem Bauernhof der Grosseltern geboren wird. Klaus Hemmerles Inszenierung (in Koproduktion mit dem Theater Kanton Zürich) zeigt die Theaterfassung von Kuijers «Wir alle für immer zusammen» zum ersten Mal in der Schweiz, in der neuen, kleineren Spielstätte im Foyer des Theaters Winterthur. So, wie Silke Geertz und Gerrit Freers von einer Rolle in die andere springen und auch vor Gendergrenzen keinen Halt machen - sie spielt unter anderem Mutter und Opa, er neben Mamas Männern die Oma -, so changiert Polleke (Julia Sewing) zwischen verspieltem Kind, intensivem Teenie und fürsorglicher Erwachsener. Witzig und leicht, lebensklug und tief ist diese Aufführung, und alle Polleke-Fans werden sie nun noch enger ins Herz schliessen.
 

© Tages-Anzeiger; 26.09.2011