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Panorama einer Jugend
Das Leben ist ein Gedicht. Manchmal auch nicht. Das Theater Kanton Zürich zeigt «Wir alle für immer zusammen». Ein Stück Jugend plus.
Von Stefan Busz
Blaue Stiefel, rote Tasche, violette Strümpfe, bedrucktes Top, darunter ein gestreiftes Shirt: So tanzt Polleke, 11, auf die Bühne. Laute Musik, wilde Bewegung, das sind die Farben ihrer Jugend. Im Hintergrund: das Panorama einer Landschaft, die sich aus flächigen Strichen zusammensetzt. Davor eine Art Haltestelle, eine Sitzbank mit Dach unter weitem Himmel (Bühne und Kostüme: Johanna Maria Burkhart). Polleke turnt hier herum, auf einmal steht ihre Welt kopf. Dichterin will sie werden, hat sie in der Schule gesagt. Aber mit einer Dichterin will ihr Freund Mimun nicht zusammen sein, das gehe nicht wegen Religion und so. «Deine Scheisskultur kannst du dir sonst wohin stecken», hat Polleke ihm dann in einem Brief geschrieben. Sie tanzt manchmal aus der Reihe. Das ist ihr Style. Damit ist Polleke aber recht solo. Und Trennungen tun weh.
«Wir alle für immer zusammen» ist ein Versprechen. Klaus Hemmerle hat das Familienstück des niederländischen Jugendschriftstellers Guus Kuijer für das Theater Kanton Zürich auf die Bühne gebracht. Eine Schweizer Erstaufführung. Und die Premiere im Theater Winterthur hat das Versprechen gehalten: Zum ersten Mal wird mit dieser Co-Produktion das Foyer so richtig bespielt.
Aufgeladen ist das Stück mit Sachen, die auf die Jugend üblicherweise so zukommen: Stress in der Schule, Schwierigkeiten zu Hause, Zoff auf der Strasse. Im Detail sieht der Katalog etwa so aus: Der Lehrer macht in der Schule ein Theater, wegen Scheisskultur und so. Er verliebt sich dann aber gleich bei der ersten Begegnung in die Mutter. «Wie abartig», sagt Polleke. Und wenn sie ihrem Vater begegnet, schiebt er immer bekifft einen Kinderwagen. Die Erwachsenen sind schon recht mühsam. Polleke hält manchmal den Katalog von allem nicht mehr aus. Dann steckt sie ihren Kopf in ihre rote Tasche. Um ganz in ihrer eigenen Welt zu sein. Sie sammelt Sachen. Wörter zum Beispiel. Polleke ist eben eine Dichterin. In Gedichten hält sie fest, was ihr wichtig ist. Die Hoffnung ist aber mehr als nur ein Wort.
Julia Sewing ist diese Polleke, und sie ist ein Ereignis: Manchmal ist sie ein bisschen ungestüm zu den Sachen, die um sie sind, dann wieder sehr zärtlich. Sie kann alle Aggregatszustände einer jungen Frau annehmen, von unbekümmert bis traurig. Es ist ein Glück, eine solche Polleke auf der Bühne zu sehen. Sie steht für sich allein und ist doch mit den anderen zusammen.
Einfach umwerfend
Neben ihr: Gerrit Frers und Silke Geerts, sie teilen sich die anderen Rollenmodelle – und beide sind umwerfend. Frers ist Mimun mit dem latschigen Gang, auch Pollekes Vater, der Lindenberg-mässig ist. Dann die Mutter von Mimun, die einen Kopftuchauftritt hat. Und die Grossmutter, die zum Gebet die Perücke abnimmt. Frers gibt auch den linkischen Lehrer, der mit der Mutter herumknutscht. Silke Geerts hat nicht nur hier einen berührenden Auftritt, sie spielt auch Pollekes beste Kollegin, die neue Freundin des Vaters und den Grossvater. Sehr verspielt ist diese Inszenierung, mit vielen witzigen Details. Auch Früchte spielen hier eine Rolle. Bananen können im Theater sehr kommunikativ sein. Wie Ananas.
Familienstücke sind ja meist ein bisschen sehr didaktisch, hauptsächlich: Die Probleme kommen zur Sprache. «Wir alle für immer zusammen» zeigt im glücklichsten Sinn, was Theater ist: die Erfindung einer eigenen Welt.
Niemand wird hier allein gelassen, nicht im Zuschauerraum, nicht auf der Bühne. Am Schluss ist Polleke wieder mit Mimun zusammen. Auch er hat gelernt, einen eigenen Weg zu gehen. Und da können alle glücklich sein. Für immer.
© Der Landbote; 27.09.2011


Info ab 13 Uhr: Telefon 052 232 87 18
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