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Die Grönholm-Methode | Katharina von Bock, Brencis Udris, Stefan Lahr, Andreas Storm | Foto: Tanja Dorendorf

Grüezi wohl oder Salam aleikum

Von der Leseprobe bis zur Premiere

Das Theater ist ein grosses Wunderwerk der Feinmechanik. Jedes Rad greift hier präzis in ein anderes. Und geregelt wird das Werk von einer Unruh, die eine sehr menschliche ist: Regisseure, Schauspieler, Bühnenarbeiter, Dramaturgen, Ausstatter, Lichttechniker, viele andere Theatermenschen mehr haben hier ihren Anteil, dass alles funktioniert, auf der Bühne und hinter der Bühne. Schauen wir einmal in diesen Mechanismus hinein, wie Theater gemacht wird. «Grüezi Kabul», das Volksstück von Jörg Graser, wird im Augenblick im Theater für den Kanton Zürich an der Scheideggstrasse unter der Regie von Deborah Epstein geprobt. Diese Woche sind die Schauspielerinnen und Schauspieler zu einer ersten Leseprobe zusammengekommen. Premiere hat das Stück dann am 6. Oktober. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Wir gehen ihn mit dieser kleinen Serie ein Stück weit mit. (bu)
 
 
Von Stefan Busz
Jetzt isch Allah am Start. Das Theater Kanton Zürich beginnt mit den Proben für Jörg Grasers Volksstück «Grüezi Kabul». Der Text ist noch nicht einfach zu lesen. Und mancher stolpert hier schon über die Fundamentalischtin.
Die fortschreitende Islamisierung sieht aus wie ein Gebetsteppich, geplottet in echt. Es ist der erste Tag nach den Theaterferien, und alles im Theater Kanton Zürich ist noch ein bisschen 2-D. Auf dem Tisch liegen die Textbücher aus «Grüezi Kabul» von Jörg Graser, Mundartfassung von Deborah Epstein, «es Volksstück». Noch hat kein Schauspieler, keine Schauspielerin diese Version in der Hand gehabt. Die Vorstellung aber, was «Grüezi Kabul» sein kann, ist schon da. Eine Bombe.
 
Deborah Epstein hat für das Theater Kanton Zürich letzte Saison Dürrenmatts «Der Richter und sein Henker» inszeniert, Mann stand dort gegen Mann. Nun hat sich die Regisseurin eines Stoffes angenommen, der, wie es heisst, «süttig heisse Brännstoff punkto Manne versus Fraue» ist. Es geht um den Clash of Civilizations, und das in einer Beiz irgendwo im Zürcher Oberland.
 

Unter der Burka

Die Geschichte in der Vorschau: D’Jasmin, die Wirtstochter vom Goldige Schlüssel, hat sich in einen Mann aus Ägypten verliebt. Wegen dieses Jussufs, der ein auffallend breites Züridüütsch spricht und einen Riesenschlitten fährt, wird sie zur Muslima, Kopftuch natürlich obligat. «Spillsch imene Türkewitz mit?», fragt Mutter Süttiger und kann dieser neuen Liaison ihrer Tochter nicht so viel abgewinnen, Religion ist ihr Hans wie Heiri. Vater Süttiger aber findet an diesem Herrn Mammadir Gefallen, besonders an seiner Auslegung des Korans in Sachen Frauen. Haut dann gleich ab nach Kabul – und kommt dann wirklich zur Hochzeit seines Sohns mit drei Frauen «under ere Burka» zurück. So sehen Schweizer Verhältnisse in der fortschreitenden Islamisierung aus.
Auf einer Leseprobe ist das Terrain, wo das Stück spielt, aber noch leer. Alles beginnt in einem Moment, wo jeder Weg vom Oberland nach Kabul und zurück möglich ist. Nur ein Akzent steht fest: Kabul wird im Zürichdeutschen auf der ersten Silbe betont: «Grüezi Kábul». Mit Allah kann man hier aber noch alles machen.
 
«Lesen wir einfach einmal das Stück miteinander», sagt Deborah Epstein. Mit ihr sitzen rund um den Tisch zusammen: Vera Bommer, André Frei, Suly Röthlisberger, Andreas Storm, Brencis Udris. Das sind die Schauspielerinnen und Schauspieler, die sich in diesem Stück die Rollen teilen. Zur Theater-Rentrée da ist auch Rüdiger Burbach, der künstlerische Leiter des Theaters Kanton Zürich, er hat «Servus Kabul» selber 2006 am Theater Ingolstadt inszeniert («50 ausverkaufte Vorstellungen, ein irrsinniger Erfolg»). Verwaltungsleiter Peter Arnold ist ebenfalls an der ersten Lesung zugegen, wie auch der Dramaturg Uwe Heinrich, er hat die Materialien vorbereitet. Mit am Tisch: der Ausstatter Florian Barth. Seine Maquette für das Bühnenbild steht auf der Ablage, mit dem Gebetsteppichen, geplottet in echt. Aber auch die Sexpuppe ist 2-D.
 
Die Leseprobe beginnt. Satz für Satz kommen die Schauspielerinnen und Schauspieler in das Stück hinein. Sie müssen aber zuerst noch die eigene Sprache finden. Denn ausformuliert ist der Text in Schweizerdeutsch, und was hier «Wonneitstands» sind, das erschliesst sich erst nach einem Stolpern. Hin und her gehen die Dialoge. «Gahts eigentlich na? Wiä laufsch überhaupt ume-nand», sagt Suly Röthlisberger, die jetzt schon ein bisschen d’Süttiger ist. «Das muemer so», gibt Vera Bommer zurück, «ich bi dänk e Muslima, jetzt häsch es» – und schon spielt der Jasmin-Trotz in ihrem Gesicht. André Frei macht prima vista den Vater, Brencis Udris wird nach und nach zu seinem Sohn. Nur Andreas Storm weiss manchmal nicht, was sein Jussuf sagt: er kann nämlich kein Schweizerdeutsch. Aber manchmal tönt sein Text schon vertammi guet – besonders wenn Andreas Storm kurz den Bushido macht.
 
Die Leseprobe geht knapp über zwei Stunden, und am Ende kommen die Schauspielerinnen und Schauspieler wieder aus ihren Rollen hinaus. Und nicht immer ist diese erste Begegnung mit der eigenen Figur eine glückliche.
«Fragen zum Stück?», fragt Deborah Epstein, und Andreas Storm sagt, der erste Teil habe ihn sehr verstört: «Meine Sicht auf den Islam ist eine andere.» Und auch Vera Bommer findet das Stück nicht besonders lustig: «Die Menschen reden hier so wie ein SVP-Plakat.»
 
Aus der persönlichen Verhaftung enthebt Peter Arnold das Stück: «Grüezi Kabul» folge einer Komödienkonstruktion, wie man sie schon seit dem 19. Jahrhundert kennt. Eine in sich geschlossene Gesellschaft wird mit dem Fremden konfrontiert, Verwerfungen sind die Folge. So ist es im «Revisor» von Gogol, und so ist es auch in «Grüezi Kabul». Der Autor hält der Gesellschaft den Spiegel vor, hier eben in einer krassen Überzeichnung der Verhältnisse.
 

Der weite Weg

Deborah Epstein hat sich mit dem Stück länger beschäftigt, als ihr lieb war. «Grüezi Kabul» ist eben komplizierter, als es scheint – aber die Vorstellung könne auch wahnsinnig komisch werden. «Je mehr Stammtisch, desto brachialer.» Und dann erzählt die Regisseurin eine Geschichte von einem Schauspieler aus der DDR, der am Pfauen in Zürich nach der Vorstellung jeweils Hof hielt. Das Publikum bestaunte ihn wie ein Tier im Zoo, und der Schauspieler zog dann die grosse DDR-Show ab, «Er wurde zu dem gemacht, was er gar nicht war.» Das passt auch irgendwie zu diesen Grüezi- und-Salam-aleikum-Fundamentalischten aus dem Oberland.
 
Wie es auf ihrem Weg weitergeht? Wir werden es sehen. In 3-D.
 
(c) Der Landbote; 24.08.2011