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Eine ganz normale Familie
Von Michael Graf
Am 60. Geburtstag bricht die Familie auseinander. Das Theater Kanton Zürich begeisterte am Donnerstag mit der Uraufführung von Ulrich Woelks «In der Nähe der grossen Stadt». Es könnte ein Bühnenbild für einen Schwank sein: Vier Türen führen ins Wohnzimmer der Malers, zwei Glastüren zum Garten. Doch das Lachen bleibt dem Publikum meist im Halse stecken. Für sein zweieinhalbstündiges Familiendrama hat Ulrich Woelk dem Ensemble des Theaters Kanton Zürich Figuren auf den Leib geschrieben, die authentischer sind, als es manchem lieb wäre. Dieser Familie entkommt man so wenig wie der eigenen.
Auf der Flucht
Jette (Vera Bommer) ist ins elterliche Heim zurückgekehrt, vorübergehend. Seitdem die sensible Schriftstellerin einen wichtigen Literaturpreis gewonnen hat, ist sie auf der Flucht vor der Presse und vor ihrer Depression. Verkatert erwacht sie neben dem Ledersofa. Mutter Vera (Suly Röthlisberger) eilt mit Kaffee und mütterlichem Rat zu Hilfe. Nicht komplett uneigennützig. Die ehemalige Schauspielerin hofft, in einem von Jettes Stücken auf die Bühne zurückzukehren, die sie einst für das Familienleben hier in der Agglomeration aufgegeben hat. Hausherr Theo Maler (Stefan Lahr), könnte dagegen kaum fideler sein. Morgen feiert der drahtige Frührentner seinen 60. Geburtstag. Seit er in einem mysteriösen Unfall seine rechte Hand verletzte, geniesst der Chirurg seinen vorzeitigen Ruhestand. Noch im Bademantel genehmigt er sich seinen ersten Cognac.
Falk Hinterberg (Andreas Storm), ein liebenswertes Landei, das mit Software für Mastbetriebe zu Geld gekommen ist, rutscht derweil unruhig herum. Eigentlich ist er gekommen, um Jette zu sehen, die Jugendliebe, die er, der zu gross geratene Bub, nicht vergessen kann. Doch gegen ihren spöttischen Intellekt, ihren Eispanzer aus Zynismus, scheint seine bodenständige Liebe machtlos.
Auch Philipp hat Mühe, zu vergessen. Einst war Vater Theo sein Idol, er wurde ebenfalls Chirurg. Nach einem bitteren Streit und einjähriger Funkstille kommt er zur Geburtstagsfeier. Zur Überraschung aller hat er inzwischen geheiratet und bringt, frischvermählt, seine Frau Yvi (Anna-Katharina Müller) mit. Auch sie ist Ärztin, doch ihre Karriere reicht weiter zurück ...
Grosse und kleine Lügen
«Wir sind eine normale Familie. Eine der besseren sogar», behauptet Theo und meint es wohl durchaus ernst. Doch schnell wird klar: Kaum etwas ist hier, wie es scheint. Nicht erst die skurrile Ahnenforscherin Dr. Sieglinde Pretl (Katharina von Bock) bringt Überraschungen ans Tageslicht. Kleine und grosse Lebenslügen, Gemeinheiten und Süchte sickern fast im Minutentakt hervor. Man beginnt zu verstehen, warum sich der selbstgerechte Frührentner Theo zum Motto gemacht hat: «Erinnern ist eine Technik, Vergessen eine Kunst.»
Stefan Lahr und Vera Bommer glänzten schon in «Festland» als entfremdetes Vater-Tochter-Gespann. Hier sind sie Teil eines komplexen Räderwerks von leiblichen, angeheirateten und nur erträumten Verwandtschaftsbeziehungen. Wenn fünf erwachsene Menschen mit zunehmender Fassungslosigkeit zu verstehen versuchen, wie sie in all ihrer heiss erkämpften Eigenständigkeit derart von der Familie vereinnahmt, geprägt und verkorkst werden konnten, oder wenn sie ihrerseits versuchen, den eigenen Dreck unter den Teppich zu kehren, wird es fast klaustrophobisch eng im Malerschen Wohnzimmer. Autor Woelk wertet und verurteilt nicht, und darin liegt die Stärke des Stücks. «Ohne Familie wären wir auch unglücklich», sagt er. Mit heftigem Applaus wurde sein Stück, dessen Besetzung, die Regie von Rüdiger Burbach und die Ausstattung (Bühne und Kostüme: Dieter Richter), die auf der ganzen Linie überzeugten, am Donnerstag aus der Taufe gehoben.


Info ab 13 Uhr: Telefon 052 232 87 18
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