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Der Richter und sein Henker | Andreas Storm, Stefan Lahr, Brencis Udris | Foto: Judith Schlosser

Diesem Don Juan stinkt die Liebe

Es handelt sich bei dem alljährlichen Sommertheater des Theaters des Kantons Zürich (TKZ) gewissermassen um die robusteste Produktion des Jahres. Sie muss nämlich mobil sein und so wetterfest wie möglich, und sie muss sich gelegentlich gegen Auto- und Flugzeuglärm behaupten können oder, wie am letzten Mittwoch bei den Proben im Zürcher Letzibad, gar gegen die Geräuschkulisse eines Fussballmatchs. Das war, als noch halbwegs gutes Wetter herrschte. Als das Projekt Letzibad noch nicht in Regen und Kälte unterging.

Es war ja eine schöne Idee, die Sommersaison mit Max Frischs «Don Juan oder die Liebe zur Geometrie» an Max Frischs Geburtstagswochenende in Max Frischs beliebtestem und (so sagen viele) bestem Werk, eben dem Letzibad, zu eröffnen, bevor die Inszenierung dann losziehen sollte durch den ganzen Kanton. Auf die Kirchplätze und Schulhausplätze, in die Schlosshöfe und Amphitheater, die Park- und Seeanlagen. Stattdessen gab es nun halt die Indoor-Variante im TKZ selbst.

Es geht in diesem «Don Juan» um einen schönen spanischen Eigenbrötler, der in die reine, erhabene Schönheit der Geometrie verliebt ist, aber leider von den Frauen zum Frauenhelden gestempelt wird. Eine Tatsache, die ihm eigentlich furchtbar stinkt. Die Einzige, die er liebt, Donna Anna, verlässt er vor dem Altar, weil er sie aus Versehen in einer dunklen Nacht mit ihr selbst betrogen hat. Mit grossem Brimborium inszeniert dieser Don Juan seine Höllenfahrt, um danach endlich irgendwo in Ruhe weiterzuleben.

Der junge Regisseur Manuel Bürgin hat Frischs spanische Männerfantasie fürs authentische Outdoor-Erlebnis ganz unzimperlich auf einen knallbunten Campingplatz verfrachtet und ihn als recht deftiges Volkstheater mit melancholischen Zwischentönen flottgemacht. Und dargeboten wird das Stück von einem Schauspielensemble, dessen felsenfeste Textsicherheit durch keinerlei äusserliche Ablenkungen zu erschüttern sein wird.

Um seinen Titelhelden (Brencis Udris) herum fährt Bürgin alles auf, was man von einem unterhaltsamen Sommertheater on the road erwartet: Es wird mit grossen Gesten gefochten und gestorben; zwei Bräute (Anna-Katharina Müller und Vera Bommer) sind gleichzeitig auf der Bühne; die Liebesszene ist rührend, und Herzballone steigen in den Nachthimmel; Donna Annas lüsterne Mutter Elvira (Cathrin Störmer) ist ein unfassbar mondänes Biest; in dem beleibten Pater (Andreas Storm) verbirgt sich viel Exzentrik; Don Juans Diener (Gerrit Frers) ist lustig; die spanischen Ex-Geliebten von Don Juan führen sich auf wie hysterische Transvestiten; die Musik (Sandro Corbat) ist auch für kritische Ohren toll; und den Lichteffekt am Ende darf man ja nicht verpassen.

Es ist also alles da, was da sein muss. Nur das Wetter muss seine Rolle noch besser spielen.

Simone Meier | «Tages-Anzeiger»