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Der Richter und sein Henker | Andreas Storm, Stefan Lahr, Brencis Udris | Foto: Judith Schlosser

Das Leben ist immer anderswo

In Rückblicken erzählen zwei Jugendliche von ihrem Leben, vom Tod des Vaters und von der dramatischen Flucht. Das Theater Kanton Zürich zeigt eine gelungene Inszenierung, die nachdenklich stimmt.

Das Stück «Fluchtwege» des englischen Lehrers und Dramatikers Nick Wood handelt von Vertreibung und Neuanfang zweier Jugendlicher. Obwohl das Land ungenannt bleibt, ist unschwer auszumachen, dass es sich um Ex-Jugoslawien handeln muss. Plötzlich darf das Geschwisterpaar Riva und Andrea nicht mehr zur Schule, wird es von den einstigen Nachbarn und Freunden wie Aussätzige behandelt. Sie hausen schliesslich in einem Kellerloch, von einem windigen Onkel mit dem Nötigsten versorgt. Der Vater wird von Nachbarn auf offener Strasse erschossen. In einer quälend langen Reise gelangt die Restfamilie in die Schweiz. Nichts ist da, woran die beiden Teenager sich halten können, ausser einer Puppe für Riva und einem Fussball für Andrea, ein letztes Geschenk des Vaters.

Puppe und Ball als Metapher

Regisseur Rüdiger Burbach verwendet sie in einer packenden Inszenierung als eine wesentliche Metapher. Fussball und Puppe sind Gegenstände der Erinnerung, Hoffnungsschnipsel, Haltepunkte – vor allem für Andrea, der wegen seines Namens als Mädchen verlacht wird. Das kratzt an der Ehre. Er sträubt sich am längsten von allen gegen die Einsicht, dass die Abwehr der anderen immer auch eine Abwehr durch die anderen zur Folge hat. Erst am Schluss kommt er dort an, wo die Mutter und die Schwester längst sind: in der geordneten Welt der neuen Heimat. Eindrücklich gelingt es der Inszenierung, den Bruch im Leben der beiden Jugendlichen erfahrbar zu machen, nicht zuletzt dank der grossartigen schauspielerischen Leistung der Darsteller Vera Bommer und Brencis Udris, die sämtliche Rollen im Stück übernehmen. Beide beweisen frappierende Ausdrucks- und Wandlungsfähigkeit im oft nur sekundenkurzen Stimmungs- wie Rollenwechsel als Vater, Mutter, Onkel, Lehrerin oder Nachbar.

Körperlich spürbare Kontur

Vorab zu gefallen weiss Brencis Udris, der die Figur Andrea mit einer wütenden Verzweiflung ausstattet, ihr eine enorme, körperlich spürbare Kontur gibt. Wie an eine Ikone der verlorenen Kindheit klammert er sich an den Fussball, gräbt seine Hände ins Leder. Vera Bommer spielt Riva mit etwas altkluger Eindringlichkeit und betört durch packende Wandlungsfähigkeit, wenn sie in die Rolle der verstummten Mutter oder des fussballbegeisterten Kollegen Leo schlüpft. Als Riva verdrängt sie förmlich das Trauma des Flüchtlingskindes, findet sich im Neuanfang in fremdem Land erstaunlich schnell zurecht. Originell kühl ist das Bühnenbild von Beate Fassnacht. Vor schwarzen Vorhangbahnen sind 36 orangefarbene Garderobekästchen zweireihig übereinander aufgeschichtet, die durchwühlt, aufgerissen, zugeschlagen werden und in die die Protagonisten verschwinden oder herabspringen. Sie dienen als Requisitenkammer, als Vorratskammer, als Behausung oder als Garderobe. Quasi als Trauerarbeit stellen Andrea und Riva einzelne Erinnerungen mit winzigen Puppen nach, die mittels einer Videokamera auf den dunklen Vorhang im Hintergrund projiziert werden.

Versöhnlich ist der visuelle Schluss auf Grossleinwand, wo Andrea und Riva händchenhaltend die Bühne, das Theater verlassen und in die dunkle und ungewisse Nacht entschwinden. Wie anrührend, im besten Sinn zu Herzen gehend Vera Bommer und Brencis Udris die innere traumatische Entwicklung von Riva und Andrea spielen und trotzdem den Tenor jugendlicher Frische und heiterer Naivität treffen, das ist ganz einfach grossartig. Dafür gabs am Premierenabend stampfenden Beifall.

Linus Baur © Zürichsee-Zeitung; 04.10.2010