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Besichtigung einer Küchenlandschaft
«Der Landbote» über «Frohe Feste»
Von Stefan Busz
Vorige Weihnachten, jetzige Weihnachten, morgige Weihnachten: Das ist eine Trilogie des Wiedersehens. Das Theater Kanton Zürich zeigt Alan Ayckbourns Farce «Frohe Feste». Ein toller Spass. Und ein Küchendrama zugleich.
Zuerst: Applaus für die Weihnachtsmänner. Sie bewegen in Rüdiger Burbachs Inszenierung von Alan Ayckbourns Komödie «Frohe Feste» die Kulissen im Theater Kanton Zürich. Zu sehen ist auf der Bühne von Christian Rinke die durchgängige Verwandlung einer Küchenwelt, sagen wir von Micasa bis Möbel Pfister auf Englisch, dies im Style der Siebzigerjahre. Die Bühnentechniker mit den De-luxe-Weihnachtsmützen auf dem Kopf haben hier den Dreh heraus, alles läuft – Schublade auf, Schublade zu – wie geschmiert, dem Küchenhilfepersonal gehört deshalb unsere ganze Bewunderung.
«Wir bauen für Sie um» ist auch sonst das Programm in «Frohe Feste». Denn die Veränderungen in der Küchenlandschaft lassen quasi im Off das Innere der Menschen schauen, die hier ihren Auftritt haben. Ein Techniker des Theaters ist Alan Ayckbourn. Seine Farce «Frohe Feste» («Absurd Personal Singular», 1972) hat ein ganz eigenes Drehmoment. Verformt werden hier die Körper in ihrer Bewegung, durch das ganze Stück hindurch.
Gleiche Zeit, anderer Ort
Erzählt wird von drei Paaren, die sich am Weihnachtstag immer wieder treffen. Ein kleiner Geschäftsmann, ganz am Anfang seiner Karriere, hat einen Bankier und einen Architekten samt Gattinnen zum Umtrunk plus Paprika-Chips eingeladen, er will so für sein erstes Projekt Eindruck schinden. In der Folge kommen die Personen voneinander nicht mehr los, vor Weihnachten geht man sich jetzt besuchen. Die Hopcrofts, Brewster-Wrights und die Jacksons stehen im Stück für ganz unterschiedliche Zustände: Es ist das Oben und Unten der Gesellschaft. «Frohe Feste» zeigt die Bewegung dazwischen, auch innerhalb einer Beziehung.
Ach, diese Vorhänge!
Wir sind in der Küche unserer Vorstellungen. Liebevoll hat Regisseur Rüdiger Burbach diese Geschichte eingerichtet, und er arbeitet mit derselben Camouflage- und Hervorhebetechnik wie der Autor. Manchmal passen die Figuren so perfekt in unser Bild, dass sie vor diesem Hintergrund verschwinden: Vorhang, Tischdecke und Schürze passen stofflich völlig zusammen. Dann wieder bricht etwas völlig Verqueres in diese Umgebung hinein. Das Chanel-Kostüm paart sich in der Küche mit der Vollautomatik-Waschmaschine. Der Applaus gehört hier auch dem Kostümmacher und Ausstatter Christian Rinke, der dem Abend seine Farben gibt: von Unisex bis pelzverbrämt. Ein toller Schichtenlook. Applaus aber vor allem für die Schauspielerinnen und Schauspieler. Brencis Udris und Vera Bommer sind Sidney und Jane Hopcroft, er ein recht smarter Typ (mit den üblichen Beschränkungen eins Typs), sie ein Bild von Putzfimmel auf Stöckelschuhen – Vera Bommer kann auch neben sich selber stehen. Wunderbar, wie die beiden ihren Weg gehen. Am Anfang machen sich die anderen noch über sie lustig: diese Spiesser! mit der Mauer vor dem Fenster. Aber auch Kleinbürger haben Aussicht auf Erfolg.
Der zweite Akt gehört ganz Cathrin Störmer, sie ist Eva, die Frau des Architekten Jackson (Stefan Lahr, der auch mit ihr ein Gesicht bekommt). Eva hat genug von allem, sie versucht sich mit Hilfe von allerhand Küchengeräten aus dem elendigen Leben zu bringen: mit Messer, Gas, Licht und Lack. Immer wird sie von den anderen, die in die Küche hineinplatzen, in ihrem Tun gestört. Das Sterben ist in einer Komödie gar keine so leichte Sache. Kein Wort sagt Eva die ganze Zeit, unbewegt schaut sie, was mit ihr geschieht. Am Ende aber verzieht sich doch ihr Gesicht zum Lachen. Was haben die anderen auch angerichtet! Ein Durcheinander in der Küche kann auch Leben retten. Für ein kleines Unglück ist Andreas Storm zuständig, er macht als Bankier Brewster-Wright einen wunderbaren Blackout. Überhaupt ist diese Figur ein Muster von Phlegma. Manchmal drückt Andreas Storm einen Teddy an sich, als gäbe der Plüsch ihm Schutz vor der Welt. Dafür möchte man ihn selber drücken. Das Gesicht der Aufführung ist aber Katharina von Bock, sie gibt Marion, die Frau des Bankiers. Wie sie durch das Stück geht! mit der Verachtung für das Kleinkarierte. Und wie sie selber klein wird, mit dem Blick in den Spiegel.«Frohe Feste» ist auch ein Spiel über die Verluste: von Geld, der Feinmotorik und – des Gesichts.
Der letzte Tanz
Kein Spiegel aber der Gegenwart, dafür sind Farcen doch zu lustig. Am Schluss haben aber wieder die Weihnachtsmänner das Kommando übernommen. Sidney und Jane zwingen ihre Freunde zum letzten Tanz. Da ist viel Bösartigkeit drin. Aber schliesslich macht sich niemand ungestraft lustig über eine Küche mit eingebauter Vollautomatik-Waschmaschine. Auch «Frohe Feste» im Theater Kanton Zürich ist in diesem Sinne bügelfrei. Aber nicht ohne Kanten. Also nur ab in diese Küche. Sie muss besichtigt werden. Unbedingt.


Info ab 13 Uhr: Telefon 052 232 87 18
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