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Pinguine können keine Kuchen backen | Brencis Udris und Vera Bommer | Bild: Judith Schlosser

Auch das Dazwischensein ist ein Ort

Riva und ihr Bruder Andrea müssen sich eine neue Heimat suchen, sie finden sich im Spiel ihrer Geschichte. Das Theater Kanton Zürich zeigt «Fluchtwege» von Nick Wood.

Die Geschichte beginnt nicht heute, sie beginnt auch nicht morgen. Die Geschichte beginnt vor der grossen Pause. Auf dem Pausenplatz steht Andrea, gleich wird er Fussball spielen, wie immer zu dieser Zeit. mit all den anderen. Doch die Lehrerin nimmt Andrea zur Seite, sie sagt, dass er die Schule verlassen müsse, jetzt grad in diesem Moment. Riva, die Schwester, solle bitte mit ihm kommen. Denn es könnte etwas Schreckliches passieren, an diesem Morgen, der auch schon ein Ende bedeutet.

Denn auch zu Hause ist etwas anders geworden. Der Vater geht nicht mehr zur Arbeit, auch die Mutter macht keine Einkäufe mehr. Die ganze Stadt wendet sich von der Familie ab, und sie entschliesst sich zur Flucht. Der Vater wird bald nicht mehr da sein. Und in diesem Augenblick, in dem das alte Leben nur noch Erinnerung ist, springen Andrea und Riva in unsere Welt hinein. Und berichten uns ihre Geschichte, wie es dazu gekommen ist.

Der britische Journalist und Regisseur Nick Wood erzählt in seinem Stück «Fluchtwege» von diesem Dasein dort und hier, und er zeigt, wie Andrea und Riva Aufnahme finden in einem fremden Land. Die Vertreibung aus der alten Heimat, die Traumatisierung durch die Flucht und der Versuch einer Integration, das sind die Themen, die in dieser Geschichte eingeschrieben sind. Es ist das ABC von Betroffenheitswörtern: Aggression, Hilflosigkeit, Heimweh, Schmerz et cetera.

Zwei Welten

Dieser Katalog von allem macht «Fluchtwege» auch zum Vorzeigestück. Beispielhaft lassen sich anhand der Geschichte dieser Figuren Fragen zum Eigenen und Fremden abhandeln: Warum mögen die uns nicht? Was können wir dagegen tun? Bitte Antworten auf die vorpunktierte Linie schreiben. Theater ist aber alles andere als ein Fragezeichentext für die Schule, mit allem Warum und Wieso.

«Warrior Square» heisst das Werk im Original. 2000 wurde es in Nottingham Playhouse erstmals aufgeführt. «Fluchtwege» sind daraus in Deutschland geworden, das Stück hatte dort auch grossen Erfolg. Nun ist es in die Schweiz gekommen. Andrea und Riva müssen jetzt Dialekt lernen. Mit der Inszenierung von Rüdiger Burbach für das Theater Kanton Zürich ist auch sonst vieles anders geworden. Wir sehen hier wirklich in die Welten hinein. Eine vorpunktierte Linie gibt es nicht. Dafür viel Raum für eigene Geschichten – und auch Spass.

Smarties liegen beim Eingang, das Stück ist ab 12. Auf der Bühne geht es aber ungezuckert ab. Mit einem Knall beginnt die Geschichte. Brencis Udris und Vera Bommer springen auf die Bühne. Ein doppelstöckiges Konstrukt aus Garderobenkästen hat ihnen die Ausstatterin Beate Fassnacht hingestellt, es ist «Warrior Square», Ausgabe Schweiz. «La forteresse» könnte das Stück hier heissen, es ist Asyl für alle Geschichten. Brencis Udris beginnt sie zu erzählen, fahrig, schnell, immer bereit, die Kapuze über den Kopf zu ziehen: vom Fussball, der ihm sein Vater einst geschenkt hat und den er hat fallen lassen, dies im ungünstigsten Moment. «Ich hätte damals nicht weinen sollen», sagt dann Vera Bommer, die Puppe auf dem Arm. Aber was damals passiert ist, das kann eigentlich niemand so recht sagen, denn alle, die einmal auf der Flucht waren, haben solche Geschichten erlebt. Und darüber sind die Menschen stumm geworden. Oder sie flüstern nur noch. Oder schreien manchmal einfach los.

Ein Traum

Immer wieder boxt der Andrea von Brencis Udris dann gegen den Garderobenkasten, als könnte er mit einem Schlag sein Elend beenden. Und manchmal herrscht er auch die Menschen an, die ihm eigentlich helfen wollen: «Was wotsch, du dünnes Schweizer Schwein?» Aufnahmefreudiger geht Vera Bommer als Riva mit der fremden Sprache um, sie kommt mit der neuen Heimat besser zurecht: «Träum nur wiiter», sagt sie dann zu Andrea, es heisst: Buben sollen sich hier nicht so blöd anstellen.

Alle Tonarten kommen auf der Bühne zusammen. Denn Brencis Udris und Vera Bommer sind nicht nur Andrea und Riva, sie geben auch den Vater und die Mutter, sind Onkel Stefan, dazu Mann und Frau auf der Strasse. Die beiden zeigen die Verwandlung auf der offenen Bühne. Schnell geht das alles. Krawatte und Brille an, und aus dem Sohn spricht jetzt der Vater. Ohrenclips aufgesteckt, und die Tochter spielt die eigene Mutter. Einmal nimmt auch Brencis Udris die Clips und macht die Mutter nach. «Das geht nun wirklich nicht», sagt dann Vera Bommer. Denn vor allem sind die beiden Schauspieler. «Wir müssen die Szene anders spielen.» Dann greifen sie zur Videokamera. Und es funktioniert.

Das anders spielen, das macht die Qualität dieser «Fluchtwege» aus. Brencis Udris und Vera Bommer passen wunderbar in die Anlage des Stücks, sie können sich in das Gehäuse, das ihnen Regie und Ausstattung bereitstellt, schön hineintun (samt Puppe und Fussball). Gut aber kommen sie aus dem Stück auch wieder hin- aus. Dann zeigen sie die Kunst, sich quasi neben die Figur zu stellen. «Ich bin hier ein anderer – und bleibe doch mich selbst.»

«Fluchtwege» erzählt nicht nur vom Weggehen aus einer Heimat, die keine mehr sein kann, und vom Ankommen in einem Land, das noch fremd ist. Das Theater Kanton Zürich zeigt mehr: es ist eine berührende Geschichte über junge Menschen hier wie dort, die im Dazwischensein ihren Ort suchen müssen. So werden Andrea und Riva zu Flüchtlingen in einer eigenen Zeit: zwischen Kindheit und Erwachsensein. «Fluchtwege» ist auch für Erwachsene ein schönes Stück Anschauung, wie Sachen benannt werden, von denen man eigentlich nicht nichts wissen will. «Träum einfach weiter», sagt Riva, wenn Andrea wieder einmal die Welt um sich verdrängen will. Aber dann kommen die beiden endlich an, nach einer Reise der Ungewissheit. Eine letzte Tür im Garderobenkasten geht auf, und in diesem Theater finden alle Figuren mit ihren Geschichten Platz – auf Zeit.

Am Schluss ein letzter Transfer. Die Geschichte, die vor der grossen Pause begonnen hat, geht nach siebzig Minuten (ohne Pause) zu Ende. Brencis Udris und Vera Bommer verlassen die Bühne, auf der sie ein Stück Jugend gezeigt haben, mit allen den Ängsten und auch Hoffnungen. Die Videokamera folgt ihnen, und wir sehen, wie die beiden auf den Vorplatz hinausgehen, in eine neue Welt hinein. Alles ist gut geworden.

STEFAN BUSZ

Die Trilogie eines Anfangs

«Der Richter und sein Henker» und «Die Grönholm-Methode», das waren die ersten Premieren im Theater Kanton Zürich unter der neuen Leitung. «Fluchtwege», in der Regie des Hausherrn Rüdiger Burbach selber, schliesst nun die Trilogie des Anfangs ab: wieder ganz spielerisch auch mit diesem Jugendstück. Es ist für das ganze Publikum ein guter Start gewesen, und auch das ganze Ensemble hat sich in den Stücken glänzend eingeführt. Nun geht das Theater über die Dörfer und auch in die Städte hinein: nach Sursee, Humlikon, Elgg, Langenthal, Illnau-Effretikon oder Stäfa – und kommt zum Glück immer wieder nach Winterthur zurück. Und schon freuen wir uns auf die nächste Premiere. Ein frohes Fest wird es wieder für das Theater werden.

(bu) © Der Landbote; 04.10.2010