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«Fluchtwege» von Nick Wood als Schweizer Erstaufführung
«An einem ganz normalen Tag» und «aus heiterem Himmel» muss das Geschwisterpaar Andrea und Riva seine Heimat verlassen. Mit ihrer Mutter flüchten sie in ein fremdes Land. Rüdiger Burbach, künstlerischer Leiter des Theater Kanton Zürich, inszeniert die schweizerische Erstaufführung von «Fluchtwege» als temporeiche, berührende Tour de Force für die Schauspieler Vera Bommer und Brencis Udris. Ausstatterin Beate Fassnacht setzt gekonnt auf Reduktion: Eine meterhohe Wand aus Garderobenspinden wird zu einem Lift, zu einem Hügel, zu einer engen Wohnung. Im fliegenden Kostümwechsel verwandeln sich Udris und Bommer im Handumdrehen in Vater, Lehrerin und Dorfrüpel.
Der Engländer Nick Wood zeichnet in seinem Stück ein genaues Flüchtlingsporträt. Erzählt aus der Perspektive der beiden, bleibt vieles nur angedeutet: ihr Herkunftsland oder der rebellische Onkel Stefan, der tot aufgefunden wird und seinem Neffen Andrea mit dem Satz in Erinnerung geblieben ist: «Es kostet zu viel Energie, Menschen zu hassen.»
In einem Durchgangsheim versuchen sich die Geschwister anzupassen und schwanken zwischen Heimweh und Neugierde, jugendlichem Übermut und Hilflosigkeit. Und die vom Tod ihres Mannes traumatisierte Mutter, die sich der neuen Situation scheinbar verschliesst, hat begriffen, dass die Zukunft ihrer Familie von zwei möglichen Anfangssätzen im angespannt erwarteten Behördenbrief abhängt: «Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, . . .» oder «Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, . . .»
Angesichts der Integrationsdebatten ist die Inszenierung hochaktuell. Sie ist gespickt mit witzigen Wortspielen und schönen Regieeinfällen: Für eine Reise durch die Schweiz reicht Burbach eine Landkarte, eine Kamera und einen Spielzeugbus, und schon fahren wir im Mini-Roadmovie durchs Land. Am Ende der Reise stehen eine leere Wohnung und die leise Hoffnung auf ein neues Leben.
Sarah Stähli | © Tages-Anzeiger; 04.10.2010


Info ab 13 Uhr: Telefon 052 232 87 18
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