- Aktuell
- Stücke
- Die Premieren der Spielzeit 2010/2011
- Der Richter und sein Henker
- Die Grönholm-Methode
- Fluchtwege
- Pinguine können keinen Kuchen backen
- Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie
- Die Premieren der Spielzeit 2011/2012
- In der Nähe der grossen Stadt
- Wir alle für immer zusammen
- Kabale und Liebe
- Das Ende vom Anfang
- Beatles for Sale
- Kasimir und Karoline
- Stücke Archiv
- Bilder
- Spielplan
- Ensemble
- Porträt
- Rückblick
- Kontakt
- Presse
Festland
Festland – Die Bühnenfassung
«Ich kam mir vor wie ein Diktiergerät», stellt Julia, die 26-jährige Tochter, lakonisch fest. In der Tat haben die Gespräche, die sie mit ihrem Vater führt, eher monologischen Charakter, doch sie finden auch unter speziellen Umständen statt: Vater und Tochter kennen sich kaum, haben sich seit Julias Konfirmation kein einziges Mal mehr gesehen – und befinden sich beide in einer psychischen Krise. So ist die Tochter nach Abschluss ihres Studiums depressiv verstimmt, während der Vater einen Burnout-Zustand erlebt.
Julia Stoll und Kaspar Steinbach, die Protagonisten von Markus Werners Roman «Festland», sind in Winterthur nun als Bühnenfiguren zu erleben. Der Autor und Regisseur Hannes Glarner hat Werners 1996 erschienenes 140-seitiges Werk dramatisiert und für das Theater Kanton Zürich inszeniert. Die Produktion, die am Donnerstag uraufgeführt worden ist, spielt in einem schlichten Einheitsraum (Bühne: Nino Kündig), der sowohl die Zürcher Wohnung ist, in der Vater (Stefan Lahr) und Tochter (leicht unterkühlt: Vera Bommer) eine Woche lang jeden Abend zusammentreffen, als auch Orta in Piemont, wohin Julia sich nach den Begegnungen mit dem Vater zurückzieht, um das Gehörte aufzuschreiben.
Wer nach der Lektüre von Werners Roman einen mehrheitlich ernsten Theaterabend erwartet hat, wird erstaunt sein: Die Grundstimmung ist heiter. Entsprechend wird an der Premiere auch viel gelacht – dann etwa, wenn der Vater seinen Zustand mit den Worten kommentiert: «Was nützt es, wenn ich heute mit Mundwasser gurgle und morgen erlösche?» Oder wenn er seiner Tochter erklärt: «Primär bist du ein Kind der Kopflosigkeit.» Dass jene langen Passagen, in denen der Vater sich frei assoziierend durch sein bisheriges Leben hangelt, in der Bühnenfassung fehlen, ist irgendwie nachvollziehbar.
Stillstehen, um zu rasen
Wenn Vater und Tochter sich nach zwanzig Jahren wieder gegenüberstehen, macht das Leben eine Pause. Das Theater Kanton Zürich spielt «Festland» von Markus Werner. Die Bühnenadaption des Romans ist unbedingt sehenswert. Eiseskälte im Zürcher März. Doch Julia geht sowieso nicht aus. Seit die 26-Jährige vor einem Monat ihren Studienabschluss feierte, ist sie wie blockiert. Sie verschanzt sich in der Wohnung, bleibt im Bett, meidet jede Gesellschaft. «Reduzierter Biotonus», diagnostiziert Josef, der als Mediziner nie um Diagnosen verlegen ist. Das Telefonklingeln beantwortet Julia mit einem Verzweiflungsschrei: «Ich kann nicht mehr!»
Stille. Am anderen Ende ist nicht Josef, der Unsensible. Sondern Kaspar Steinbach, ihr leiblicher Vater. Seit dem fünften Lebensjahr kaum gesehen, Gratulationen zur Konfirmation und Matura, ab und zu Anrufe – sie hatte sie nicht vermisst, als sie ausblieben. Ihr Vater, der kleine Unbekannte, der «halbgebildete Bürogummi» ihrer Vorstellung. Kurze Zeit später öffnet er ihr die Tür. Im Bademantel.
«Vaterwoche»
«Der passt zu meinem Gnadenstand», sagt er. Auch der Vater ist an einem Wendepunkt angelangt. Nach einem Leben im Schnellvorlauf hat er auf der Fernbedienung des Lebens auf die Pausen-Taste gedrückt. Krankgemeldet, sitzt er gesund zu Hause, trinkt Tee und philosophiert bitter vor sich hin – eine Midlife-Crisis? Julia ist irritiert. Über seinen Redeschwall, gefolgt von Abweisung. Dennoch kommt sie wieder. Und hat eine eigene Frage: «Erinnerst du dich zufällig auch daran, wie ich entstanden bin?»
Markus Werners «Festland» auf der Bühne
Als Markus Werners Roman «Festland» 1996 im Residenz-Verlag erschien, gab es den bildhaften Ausdruck «Burn-out» noch nicht. Heute, wo Hannes Glarner den Text in der Theaterfassung von Rüdiger Burbach mit dem Theater Kanton Zürich auf die Bühne bringt, schwebt die Diagnose über dem Kopf des Protagonisten Kaspar Steinbach, der eines Tages einfach nicht mehr ins Büro gehen kann. Doch er nennt seinen Zustand widerständig «Gnadenstand». Markus Werner ging es genau darum: zu zeigen, «was während der Phase des Stillstands, die in der Welt natürlich als pathologisch gilt, geschieht und möglich wird».
Auch Steinbachs Tochter Julia verfällt nach abgeschlossenem Studium in einen Erschöpfungszustand. Die Konstellation ermöglicht literarisch weite Räume – die, wie die Uraufführung der Bühnenfassung in Winterthur gezeigt hat, auf die Bühne übertragbar sind.
Die gar nicht depressive, sondern äusserst spielfreudige Lesart des Theaters Kanton Zürich leuchtet ein. Auch deshalb, weil Werners sezierend genaue Sprache überzeugend zur Geltung kommt, in der minimalistischen Inszenierung wie in der jugendlich-vitalen Körperlichkeit von Vera Bommer, die als Icherzählerin auch immer wieder an den Rand des Nichtgeschehens tritt.
Diese ganz der Sprache hingegebenen Sequenzen überzeugen mehr als die verspielteren. Wie sich Stefan Lahr und Vera Bommer von Vater und Tochter zwischendurch ins Liebespaar verwandeln, das Steinbach und Julias Mutter einmal waren, lässt die Schauspieler spürbar lustvoll aus dem strengen Korsett der Sprache ausbrechen – doch der Slapstick mit toten Teebeuteln lässt zu sehr vergessen, dass da einer seinen Halt verloren hat und am Rand des Abgrunds taumelt.



.jpg)
.jpg)